Der Arbeitskreis Computer der FaVeVe pi@faveve.uni-stuttgart.de mit Anmerkungen von Christian 'chris@citecs.de' Recktenwald Wed Nov 8 13:27:18 CET 2000 Der Arbeitskreis Computer ist jener Teil der Aktiven, die sich aus Freude am Basteln und Schrauben mit Computern besch\"aftigen. Mensch k\"onnte meinen, Computer sind langweilig und w\"aren kein Thema f\"ur eine Studi-Vertretung. Es kommt, wie immer, auf den Blickwinkel an. Wie ist der AK Computer entstanden ? Ungef\"ahr um 1985 wurde die Arbeit des Arbeitskreis Transporter im Hellblauen Nilpferd durch einen Computer vereinfacht, der die folgenden Aufgaben \"ubernehmen sollte: Terminplanung, Rechnungen drucken und ein bisschen Buchhaltung. Soweit mir bekannt, hatten sich Manne, Arnulf, und Tosch um den Einsatz dieses Ger\"ats bem\"uht. Dieser Computer wurde nat\"urlich bald auch f\"ur profane Textverarbeitung genutzt. Damit hatte der AK Druck auch etwas davon: Erstellung von Druckvorlagen. Vorher ging das anscheinend noch mit Schere und Klebstoff, aber solche primitiven Techniken kann ich mir kaum als praktikabel vorstellen 8-) Meine pers\"onliche Verwicklung mit dem AK Computer ist im WS 1988/89 entstanden, als w\"ahrend Protesten aufgrund der \"Uberlast an den Hochschulen ein Arbeitskreis Kommunikation aktiv war. Er befasste sich damit, zwischen den einzelnen Gr\"uppchen und auch zur Aussenwelt hin Informationen m\"oglichst schnell zu verbreiten. Damals war der Weg noch: Text eintippen, ausdrucken, kopieren, verteilen. Die Idee der Recycling-Umschl\"age f\"ur FaVeVe-Protokolle ist in der Folge zu dieser Versendungsmanie entstanden. Kai-ban oder so \"ahnlich nennen es die Japaner. Zu dieser Zeit bereits bel\"astigte ich das FaVeVe-Umfeld intensiv mit Schnapsideen zum Computer-Einsatz. Meine G\"ute, waren wir na-iv. Den Spott "Was heisst hier waren ?" werde ich \"uber mich ergehen lassen wie den Regen in D\"usseldorf 8-) Aus den Aktivit\"aten des AK Kommunikation entstand, weil die Defizite der Kommunikation mit den revolution\"aren Massen 8-) bzw. den Studierenden doch auch den Kadern langsam klar wurden, u.a. auch das beliebte WAS, mit dem versucht wurde, w\"ochentlich die aktuellsten Informationen zu verteilen. So um 1990 herum war es dann soweit, es gab ihn endlich, den Arbeitskreis Computer. Womit hat sich der AK Computer besch\"aftigt ? Das Themenumfeld war sehr umfangreich. Es folgt eine sicher nicht vollst\"andige, aber daf\"ur vollst\"andig subjektive Liste. Sie ist grob nach zeitlichem Ablauf sortiert und schreit geradezu nach Euren Erg\"anzungen: o USENet: News must be free In vielen St\"adten in der BRD bildeten sich schon 1987/88 sogenannte B\"urgernetze, deren Ziel die Bereitstellung von E-Mail und unzensierten, weltweiten Diskussionsgruppen f\"ur alle war.\\ Es wurden Debatten mit dem Rechenzentrum der Uni Stuttgart, anderen \"ortlichen RZs und der Informatik-Fakult\"at gef\"uhrt, inwieweit diese Netze Unterst\"utzung finden k\"onnten.\\ Das war bis ca. 1994 von nur geringem Erfolg gepr\"agt und dann von keiner grossen Relevanz mehr. o Im September 1989 gab es eines der ersten europaweiten Studierendentreffen \"uberhaupt (Chiasmus in Bologna). Die Ver\"anderungen in Osteuropa lagen in der Luft, auch wenn der Song "Winds of Change" erst viel sp\"ater ver\"offentlicht wurde und die MTV Generation daher noch so lange warten musste.\\ Es war erkennbar, dass europ\"aische studentische Diskussionsbeitr\"age nie wirksam werden w\"urden, f\"ande sich kein europ\"aischer Diskussionsrahmen. Und so ist's noch heute.\\ Die Idee war, \"uber E-Mail diesen Rahmen zu schaffen. Siehe auch unter dem Stichwort "Naiv". o Seit November 1989 gab es Internetzugang an der Uni Stuttgart. Dadurch wurde der Zugang zum Campusnetz deutlich attraktiver, wenn auch nur wenige Eingeweihte wussten, was das denn bedeuten w\"urde. o F\"ur die technischen Freaks unter den Lesern: Richard Stallmann hielt 1990 in Karlsruhe einen Vortrag \"uber Userinterface Copyrights und Software Patente. Noch heute ein Wendepunkt in der Debatte! o Teilnahme bei der Nutzergruppe Studierende im Deutschen Forschungsnetz Der DFN Verein, ein typisches Verhinderungsinstrument deutscher Technologiepolitik, plante um 1990 herum noch immer schwachsinnige Datennetzkonzepte (X.25, anyone?), und wollte sich u.a. auch der Zielgruppe der Studierenden bedienen. Ein kleines H\"auflein Aktivisten aus der ganzen BRD brach nach M\"unster auf, um sich einzumischen. o Unitopia ist ca. 1990/91 entstanden. Noch eine Utopie. Und ein Online-Textadventure. In der zu intensiven Besch\"aftigung mit diesem Online-Spiel sind einige hoffnungsfrohe akademische Karrieren gescheitert 8-) o Als im Sommer 1992 die Zeitschrift Emma einen Artikel \"uber Pornos auf Uni-Computern ver\"offentlichte, wurde mit einer Podiumsdiskussion versucht, das Thema einzufangen. Es ging bereits damals um die Freiheit der Meinungs\"ausserung und dem Missbrauch dieser Freiheit. Ja -- die Debatte, die heute von Ministern usw auf Bundesebene gef\"uhrt wird, sie ist schon acht Jahre und \"alter. Erz\"ahle mir da einer noch von Innovationsgeschwindigkeit! o Es r\"uhrten sich die ersten Rechner-Beschaffungen der FS E-Technik, um ca. 1992. Yeti ist damals auf die Welt gekommen. Grundgedanke von Yeti war, dem \"ausserst restriktiv angebotenen CIP-Pool der Fak ET (kein Netzzugang, lediglich PASCAL, C und FORTRAN als Anwendungen) ein offenes Angebot fuer alle ET-Studis entgegenzustellen. Im weltweiten Internetz und vollst\"andig unter studentischer Kontrolle. Welch Horrorvorstellung f\"ur all die Kontroll-Freaks! o An der Vernetzung der FaVeVe- und Fachschaftsb\"uros mit dem Uninetz wurde weiter gearbeitet, auch wenn die Universit\"atsverwaltung dies mit zahlreichen Finten zu unterbinden trachtete, eine Aufgabe f\"ur viele Jahre. 1994 im September waren nach einj\"ahriger Planung und 4-monatiger Ausf\"uhrung die FSen GNT/Geschichte, BWL, Politik, Techp\"ad, Bio, Phy, das ZFB, Nili sowie Unifilm, AIESEC und IAESTE vernetzt, hier wurde zeitweise mit bis zu 15 HelferInnen und Helfern gecrimpt und geschraubt. Die FSen ET, mach/verf/kyb und Bau waren teilweise schon ein Jahr l\"anger am Netz. Bald darauf folgten die FS UWS und andere. Unvergesslich ist das Robben durch die Unikatakomben und die eindrucksvolle Atmosph\"are des Zuluftkanals. o Es wurde die Domain faveve.uni-stuttgart.de durchgesetzt. Die Witz an dieser Domain ist, dass damit eine nach Landeshochschulgesetz nicht rechtschaffene Organisation an der Uni Stuttgart de-facto ueber einen eigenen Namen im Namensraum der Uni Stuttgart verf\"ugt. o Der AK Archiv, ein Ableger des Informations- und Organisationswahns der Computerfreaks, wurde ins Leben gerufen und war Ausl\"oser manch hektischer handwerklicher T\"atigkeit. Erinnert sich noch jemand an dieses ``Bernsteinzimmer'' ? Und den Urheber vieler solcher kreativen Wortsch\"opfungen, Rainer Schips, der auch im AK \"OPNV seiner Leidenschaft zum n\"achtlichen Busfahren fr\"ohnte ? Und den unerm\"udlichen Handwerker Pius Trautmann, der neben der Holzwand zur Abtrennung des Bernsteinzimmers sonst auch viel zu den allgemeinen Nili-Versch\"onerungen (Farbe, Holzvert\"afelung, Finanzierung 8-) beigetragen hat ? o Im Rahmen der DV-technischen Rivalit\"aten zwischen FS E-Technik und Nili ist nat\"urlich auch Nilix zu nennen. Ein Produkt der Muppet-Labors, speziell von Thomas 'wrafi' Graf, der auch im AK \"OPNV sehr aktiv war, zusammen mit Chris, mit dem Ziel: Zugriff aufs Uni-Netz f\"ur Studis. Das System lief auf Basis von M\$DOS 5.0 auf einem 286/8MHz und erm\"oglichte bis zu 8 parallele Sessions. Highlights waren u.a. USENET und Mail \"uber UUCP (nilix.stgt.sub.org), LAN-Access (inetd.exe) und eine volltextindizierte Datenbank, die bis heute an Bedienkomfort unerreicht scheint. Das Aufkommen von Linux und der Anschluss des Nili ans Uni-LAN machten das System leider \"uberfluessig. o Eine Debatte um Pflichtrecherchen f\"ur Studierende in Online-Datenbanken wurde bereits 1992 auf h\"ochster Bundesebene in Karlsruhe gef\"uhrt. Drei-G\"ange-Men\"u f\"ur die Teilnehmer, auch hier war der AK Computer, angef\"uhrt von Silvester 'sly' Tappe von der FS Informatik, life dabei. Ein Ergebnis heute ist unter http://www.ub.uni-stuttgart.de/datenbanken/index.html zu finden. Ob so viel nach 8 Jahren Innovation zu erwarten war ? o Erfrischend war die Debatte um die Ziele der DV-Nutzung f\"ur Studis an der Fak. Architektur. Dort konnte eine ungewohnt offene Debattenkultur bewundert werden. Am Ergebnis, dass nur die Profs bestimmen, wo es lang geht, hat das nat\"urlich nichts ge\"andert. o Die BASIN-Mailingliste (basin@faveve.uni-stuttgart.de) dient als Beispiel, wie Studierende noch einigermassen an der bundesweiten Debatte um studentische Interessen partizipieren k\"onnen. Sie wird haupts\"achlich von AktivistInnen der verschiedenen Hochschulen verwendet, die studentische Basis findet sich darin leider nicht. Dar\"uber informieren und beharken sich Funktion\"are, aber nicht die studentische Basis. o Der STUDserver, E-Mail fuer alle Studis Helmut 'delta' Springer und Frank 'freaky' Kirschner haben sich im Rahmen ihrer Aufgaben in der Senatskommission RUS und auch mit der Hand am Keyboard um die Einrichtung dieses Dienstes verdient gemacht. o Zwar keine Leistung des AK Computer, aber trotzdem eine nette Anwendung ist die Mitfahrgelegenheiten B\"orse im Internet, sie wurde von Tobias Hennerich und seinem Bruder im Rahmen ihrer Softwarepraktika im Informatik-Studium entwickelt und vom RUS auch freundlichst unterst\"utzt. o Ein Internet-Toaster wurde entwickelt. Wie bitte ? Nun, ein Ger\"at, welches den Aktivit\"atslevel des lokalen Ethernet mit einer Leuchtstoffr\"ohre anzeigt. Je heller, desto doller. Spielzeug, aber doch auch ein technischer Es gab noch viele weitere Aktivit\"aten, die teilweise auch sch\"on im FaVeVe-Archiv wiederzufinden sind. Was macht der AK Computer derzeit ? Als Ex-Aktivist, der seit 1996 nur noch virtuell von den Ereignissen in der Universit\"at erf\"ahrt, bin ich leider nicht die richtige Quelle, um ersch\"opfend Auskunft zu geben. Mir sind folgende Aktivit\"aten bekannt: o Wohnheimsvernetzung, seit 1996 D.h. jedes Wohnheimszimmer soll eine schnelle Anbindung an Hochschul- und Internet bekommen. Die zentralistische Variante, vom Studentenwerk \"uber Kabelmodems realisiert und von Studierenden (WH-Netze e.V.) technisch betreut, ist die eine, technisch umstrittene Variante. Erreichbar \"uber http://www.uni-stuttgart.de/wh/, ist das trotzdem eine der gr\"ossten IP-over-Cable Installationen dieser Art in Deutschland. Die andere Variante, aufbauend auf studentischer Selbstorganisation, nennt sich SelfNet (e.V.). Hierbei werden die Kabel und alle Infrastruktur selbst aufgebaut und betrieben. N\"aheres ist unter http://www.selfnet.uni-stuttgart.de/ beschrieben. Hier sind die technischen Themen noch weitaus ambitionierter. o Es werden die Rechner von FSten und FaVeVe betreut. Eine Aufgabe, die Nervenkraft, Geduld und gutes Schuhwerk erfordert, denn trotz fortschrittlichster Technik gibt es noch Anwender, die Software der Dark Side einsetzen und dann muss mensch doch hinlaufen. o Senatskommissionen, in denen es um nicht zu untersch\"atzende Investitionen und Richtungsentscheidungen geht, werden besucht und im studentischen Sinne beeinflusst. Ein Archiv findet sich auf ftp://ftp.uni-stuttgart.de/pub/org/uni-s/faveve/Arbeitskreise/Computer Schaut doch mal rein! Wo ist der AK Computer ? Nat\"urlich im Hort der Revolution, im Vaihinger Fachschaftsb\"uro zum Hellblauen Nilpferd. computer@faveve.uni-stuttgart.de Das Umfeld war so sprachpr\"agend, dass noch heute in manchen Studierendenvertretungsb\"uros von Rechnerinnen statt von Rechnern gesprochen wird. Schadstofffreie Denkwerkzeugpflege, wo gibt es denn sonst noch solches Umdenken! Der Keller wird wohl noch heute als das Muppet-Labor bezeichnet, wo die Zukunft von morgen schon heute gemacht wird! Was waren eigentlich die Ziele der AktivistInnen ? Die offizielle Tarnfunktion (Konspiration, Dein Name sei AK Computer!) war ein Service-Gedanke. Der Service bestand darin, f\"ur Studierende den Zugang zu DV-Systemen usw zu vereinfachen. Die geschah u.a. durch die Ver\"offentlichung einer Rechnerraum-Liste. Lange Jahre wurde die Forderungen nach Einwahlm\"oglichkeiten ins Universit\"atsnetz und dar\"uber ins Internet in den universit\"aren Gremien wiederholt. Und eine Debatte \"uber den Zugang zu den Katalogsbest\"anden der Universit\"atsbibliothek soll Ger\"uchten zufolge heutzutage zu einem funktionierenden System gef\"uhrt haben. Das eigentliche Ziel: Mehr studentischer Einfluss in der Hochschule Der erste Ansatz war, durch bessere Information effektiver im Gremiensalat mitzumischen. Er ist leider gescheitert. Der Aufbau elektronischer Informationswege hat zu lange gedauert. Dies sowohl intern an der Uni-S wie auch extern in Landesastenkonferenz, BASIN und europaweit. Der Aenderungsimplus wurde dann nicht stark genug. Der n\"achste Ansatz war, durch Schl\"upfen in die Innovator-Rolle Schl\"usselpositionen zu besetzen und aus diesen Positionen f\"ur mehr Einfluss zu k\"ampfen. Dies ist gescheitert, weil Hochschulen nicht wirklich innovationsfreundlich sind, sondern nur dann innovieren, wenn der Einfluss der Oligarchie nicht gef\"ahrdet wird. Daran ist letztendlich auch Prof. Reuter als Prorektor gescheitert. Der abstrakteste Ansatz war, das Diskursthema Informationsgeschellschaft in der wissenschaftlichen Welt der Hochschule zu behandeln. Nat\"urlich sind Studis und deren VertreterInnen kein anerkannten Teilnehmer f\"ur wissenschaftliche Debatten. Und so musste auch dieser Ansatz scheitern, denn die betroffene Fachdisziplinen haben nicht verstanden, welch Umw\"alzung da passiert. Und speziell die Uni Stuttgart wurde nie Teilnehmer dieser breiten Debatte, mangels Interdisziplinarit\"at zwischen Geistis und Techies. Was wurde denn dann erreicht ? Die Organisationsf\"ahigkeit der Studi-Vertretung in Zeiten schwindender AktivistInnenzahl wurde erhalten. Es ist h\"ochst umstritten, ob das auch ohne den ganzen Technik-Schnickschnack erreicht worden w\"are. So bleibt am Ende doch nicht viel sichere Erkenntnis. Ausblick Zu jeder Feierstunde geh\"ort auch ein ordentlicher Ausblick in die Zukunft. Ich werden die revolution\"are Programmatik kurz und schmerzlos mit einem provokativen Rundumschlag abfeiern: Es ist ungewiss, ob universit\"are Arbeitsformen in der Infogesellschaft \"uberleben werden. Andere bezweifeln, ob die Infogesellschaft noch lange \"uberleben wird, also machen wir uns mal keine grossen Sorgen. Technische Innovationen erzwingen soziale/gesellschaftliche Innovationen. Auch und gerade an den Hochschulen. Bis jetzt ist davon nichts zu sehen. Die Universitaet *kann* Experimentierfeld fuer diese Innovationen sein. Verpasst sie diese Rolle, wird sie marginalisiert. Das Lernen selbst ver\"andert sich, die Hochschulen ver\"andern sich nicht schnell genug. \"Uber die weltweit gef\"uhrte Debatte um Schutzrechte f\"ur geistiges Eigentum wird en passant der Rest der universit\"aren Freiheit kassiert, bevor es jemand merkt. Weiterhin viel Spass und gute Unterhaltung w\"unscht Der AK Computer