Folge dem Wind: Sind dezentrale Infrastrukturen das Zukunftsmodell der Telekommunikation ? Was ist mit der Telekommunikationsbranche los? Vor wenigen Monaten noch als die wachstumsbringende Loesung der branchenuebergreifenden Wirtschaftsschwaeche gepriesen, sind Hiobsbotschaften jetzt die einzigen News, ab und an vermischt mit den Forderungen der Zuspaetgekommenen nach Internet fuer alle und sofort und ueberhaupt... Sehr zugespitzt beschreibt die US-amerikanische "Analystin fuer Analysten", Roxane Googin, die Situation[ISEN] und erwartet kurz und knapp die Insolvenz fast aller Unternehmen im Telekommunikationsbereich weltweit. Sie begruendet ihre durchaus realistische Risikoabschaetzung mit den Finanzierungs- und Technikmodellen, die den TK-Unternehmen (Carriern) derzeit zu Grunde liegen. Sie trennt in ihrer Betrachtung zwischen Carriern herkoemmlicher Provenienz (die alten, ehemals staatlichen Monopolisten), die vor ca. 5-10 Jahren mit dem Auf- und Umbau (Digitalisierung) ihrer alten Telefonnetze begonnen haben und neuen Carriern, die ihre Netze in den letzten 5-7 Jahren neu gebaut haben (sg. greenfield approach). Ausserdem unterscheidet Googin auch zwischen Sprachdiensten und Datendiensten, wobei es sich bei Datendiensten heute praktisch aussschliesslich um Internetdienste handelt. Schliesslich muessen auch die Netzebenen beruecksichtigt werden, also etwa Fernverbindungen und Ortsnetz, der sg. local loop. Auch die eingesetzte Uebertragungstechnologie auf den letzten Kilometern zum Kunden ist ein differenzierender Faktor, z.B. Kupferdoppeladern, Glasfaser, TV-Kabel oder Funknetze (WLL). Beide Unternehmenstypen, die alten und die neuen Carrier, haben ihren Netzausbau weitgehend am Kapitalmarkt finanziert. Sie sind oftmals nicht zu Banken gegangen und haben ihre Plaene vorgestellt, um langfristige Kredite zu erhalten. Stattdessen haben sie am Kapitalmarkt Papiere (sg. commercial papers) ausgegeben, mit einem Laufzeitmix bis zu 20 Jahren und dem Versprechen, diese Papiere am Ende zurueckzukaufen und waehrend der Laufzeit Zinsen zu zahlen, die hoeher sind als das, was der Investor bei Aktien an Dividenden oder bei anderen Anlageformen erhalten koennte. Der Vorteil war fuer die Investoren, dass sie diese Papiere unter Umgehung der Banken direkt erhalten haben und dass diese Papiere handelbar sind, d.h. waehrend der Laufzeit im Kapitalmarkt auch zwischendrin verkaufbar sind. Auf diese Finanzierungsmodelle wirkt in juengster Zeit die Technologieentwicklung ein, die sich jedoch schon vor langer Zeit angekuendigt hat[PI]. Die Carrier haben beim Ausbau der Netze auf die Verwendbarkeit einer speziellen Definition von Sprachdienst geachtet [SDH], und die Verwendbarkeit fuer Datendienste weitgehend ignoriert[NTT]. Der Verdienst pro verkaufter Telefonminute ist aber weit hoeher als der Verdienst pro uebertragenem Gigabyte[COOK]. Waehrend die Kalkulation fuer die Bedienung der langfristigen Papiere also auf einem Einnahmen/Kostenmix fuer Telefoniedienste beruhte, muessen jetzt schrittweise die weniger ertragreiche Datendienste einkalkuliert werden. Lt. Googin erreichen die Datendienste, jetzt und in den folgenden Jahren den Punkt, an dem diese Nutzungsart schrittweise die Nutzung der Telefoniedienste substituiert (z.B. E-Mail statt Telefon). Dies passiert nicht sofort und nicht vollstaendig, aber doch in bedeutend staerkerem Masse, als zum Zeitpunkt der Planung im Zeithorizont der Investitionen erwartet. Die Carrier stehen also vor dem Problem, dass sie langfristige Kapitalkosten zu bedienen haben, die sie mit der Kostenstruktur des Netzes, welches sie bereits gebaut haben, nicht erwirtschaften. Die Schlussfolgerung: Der Kapitalmarkt wird die notwendige Liquiditaet bis zum Neuaufbau/Umbau auf Datendienste nicht bereitstellen, die herkoemmlichen Carrier werden also insolvent. Diese Vorhersage bezieht Googin ausdruecklich nicht nur auf US-Carrier, sondern fuer Carrier weltweit. Googin erweitert jedoch diese Vorhersage auch auf die neuen Carrier, die eigentlich eine andere Kostenstruktur haben. Da sie sich jedoch auch am selben Markt mit Liquiditaet versorgen, die Investoren sicherheitsheitshalber nur wenig differenzieren werden[FTD] und durch einen in den Hochtagen des Boersenrauschs wenig durchdachten Ueberausbau die Preise weiter sinken, werden auch die neuen Carrier diese Falle gehen[TESION]. Uebrigens ist dieses Szenario gar nicht so neu, sondern war in der Vergangenheit bereits wiederholt zu beochbachten: man denke beispielsweise an den Ausbau der Eisenbahnnetze in den USA im 19ten Jahrhundert. Ist dieses Szenario international uebertragbar ? Zumindest in Deutschland ist beispielsweise der Markt fuer Funknetze (WLL) praktisch zusammengebrochen. Sollten die Vorhersagen fuer den TV-Kabelmarkt[CABLE] zutreffen, wird auch dieser Teil der Telekommunikation praktisch an den Rand gedraengt und dessen Kerndienst (Video) ueber andere Wege zum Kunden gelangen. Der Wettbewerb im Mobilfunk ist durch die UMTS Investitionen bekanntermassen in schwerer finanzieller Bedraengnis, nur zwei der sechs Lizenznehmer werden noch ernst genommen, und unter dem Stichwort WLAN sind konkurrierende Entwicklungen bedrohlich weit gekommen, die aehnliche Umsatzverluste wie im Festnetztelefoniemarkt vermuten lassen. Ein weiterer Markt sind die Kupfernetze. Durch agressiven Ausbau fuer DSL draengt die Deutsche Telekom AG alle anderen Mitbewerber ins Abseits, was Insolvenzen einiger DSL-Netzbetreiber wie Riodata und First Telecom zur Folge hatte. Bei noch existierenden DSL Netzbetreibern kann man, vereinfacht gesagt, durch Lesen der Bilanzen und Teilen der liquiden Reserven durch die Quartalsverluste absehen, wie lange ein Betrieb noch wahrscheinlich ist. Falls Googin Recht behaelt, wird sich der Finanzmarkt nicht rechtzeitig besinnen. Als neuste Zugangstechnik des TK-Marktes ist die Glasfasertechnologie in Augenschein zu nehmen. Die Beherrschung dieser Technologie ist aufgrund der Uebertragungskapazitaeten[PI] eigentlich die Koenigsdisziplin der Branche. Wer Glasfasernetze betreibt, sollte sich um Engpaesse keine Gedanken mehr machen muessen. Gewinnen diese Netze auch vor dem strengen Blicken des Finanzmarkts ? Mit der Insolvenz globaler Glasfasernetzbetreiber wie Global Crossing und kontinentaler Carrier wie Viatel, Williams und Carrier1, bei denen teilweise nicht einmal die vorhandenen Infrastrukturen Kaeufer finden, stellt sich die Frage, ob die viel teureren lokalen Netzausbauten Chancen haben, aus dem Kapitalengpass zu entkommen. Gerade hier war der Ueberausbau besonders extrem, wie auch Bilanz-Manipulationen von Marktteilnehmern zeigen[COOK]. Jede Marktbereinigung hat eine zeitliche Komponente: Nicht alle Unternehmen brechen zeitgleich zusammen, und des Einen Leid ist des Anderen Neukundengeschaeft. Dennoch ist lt. Googin die Fehlallokation von Kapital durch Investitionen im TK-Markt deutlich groesser als bei der Krise der Sparkassen (savings & loan crisis) in den USA Ende der 80er Jahre. Damals konnte eine Gefaehrdung der Finanzmaerkte nur durch staatliche Eingriffe bewaeltigt werden. Hinsichtlich der finanziellen Folgen kann diese Krise als sektorale Variante einer Vertrauenskrise verglichen werden, aehnlich der Mitte 1997 aufgetreteten regionalen Vertrauenskrise, die als Asienkrise bekannt wurde. Kein Wunder also, dass vereinzelt bereits der Ruf nach neuen staatlichen Regulierungsansaetzen im Bereich TK-Infrastrukturen laut wird. Wie konnte es zu dieser Fehleinschaetzung des Marktes kommen ? TK-Investitionen sind sehr langfristige Investition und haben normalerweise Refinanzierungszeiten von 20 Jahren oder gar laenger. In den 50er Jahren stand in vielen Laendern fuer den Aufbau des Telefonnetzes genuegend geduldiges Kapital fuer eine ausreichende Zeit zur Verfuegung. Noch in den 70er Jahren wurde in Deutschland mit Aufbau des Fernsehkabelnetzes eine aehnlich langfristige Investion angegangen. Dies war vermutlich moeglich, weil damals die Entscheidungsstrukturen noch entsprechend langfristig auch riskante Entscheidungen mittragen halfen. Es bestand noch ein Netzwerk aus Persoenlichkeiten und Institutionen, die am Ende eines solchen langen Investitionszeitraums zum Erfolg fuehrten. Man koennte das auch den Mehrwert von "Kluengel" nennen. Das Problem ist aus drei Gruenden entstanden. Zum Ersten durch Veraenderung der Kapitalmaerkte: Kapital bindet sich nicht mehr fuer 20 Jahre, sondern reorientiert sich schneller und ist nicht bereit, ein Zusage ueber so lange Zeitraeume einzugehen. Zum Zweiten liegt es daran, dass sich allgemein die Voraussetzungen fuer Innovationen aufgrund der beschleunigten Innovationszyklen veraendert haben[BRAUN]. Die Frage nach einer moeglichen und gewuenschten Infrastruktur ist heute nicht mehr von einer Finanzmarktdebatte abzukoppeln. Zum Dritten ist die Entscheidungsqualitaet und Umsteuerungsmacht der herrschenden Strukturen nicht mehr problemadaequat. Schon in der Entscheidung fuer den Aufbau eines TV-Kabelnetzes und der Einfuehrung privater Fernsehsender ist dies erkennbar. Es wurden nicht unbedingt gesellschaftliche Fortschritte mit diesen Investitionen erzielt (siehe die PISA-Studie). Einige der damaligen Protagonisten bedauern die Entwicklung heute. Welche Art von Netzen werden die ueberlebenden Carrier betreiben ? Fuer Googin besteht das schlechteste Szenario darin, dass die herkoemmlichen Carrier aufgrund ihrer Marktmacht weiterexistieren und bis zum Abschluss der Refinanzierung ihrer derzeitigen sprachfokussierte Netzstruktur weder preisliche noch technische Innovationen einfuehren. Das wuerde bedeuten, dass bis auf wenige Ausnahmen je nach Region die TK-Angebote fuer weitere 5 bis 15 Jahre auf dem heutigen Stande, auch was die Preise angeht, eingefroren wuerden. Dies deckt sich mit grosser Sicherheit nicht mit den Interessen der Nutzer. In [NETPARADOX] wird vielmehr eine weitaus wahrscheinlichere Schilderung der Endnutzerinteressen drastisch beschrieben, bei der ein "dummes" Netzwerk mit hoher Bandbreite und ohne besondere Eigenintelligenz den Anwendern einen grossen Freiraum zur Nutzung und technischen Weiterentwicklung gibt. Dieser Interessekonflikt zwischen Anwendern und Netzbetreibern fuehrt sogar soweit, dass nach neuen Leitmotiven der Regulierung gesucht wird[ZEIT]. Fuer Googin selbst ist derzeit noch kein Ausweg aus dieser Situation erkennbar. Wie koennten sich technische und wirtschaftliche Innovationen im TK-Bereich erfolgreich umsetzen lassen ? Der Blick auf die Entstehung des Problems gibt einen Hinweis, wie sich die Finanzierung und das Risiko besser beherrschen lassen koennen. Aus der Erfahrung mit Grossenergiesystemen und der entstehenden Dezentralisierungsbewegung in diesem Bereich erscheint eine Uebertragung auf TK-Systeme moeglich. Was spricht dagegen, dass TK/Netzausbauentscheidungen in Zukunft nicht mehr ueberregional in Planungsstaeben globaler Carrier, sondern vor Ort im Kreise der Nutzer und kommunaler Entscheidungsstrukturen[NEP] gefaellt werden ? Es ist fraglich, ob diese Form der Infrastrukturentwicklung auf den internationalen Kapitalmaerkten Anklang faende. Eine Finanzierung haette daher zumeist aus dem Kreis regionaler Investoren zu erfolgen. Der Zugang zu marktnaeheren Lagebeurteilungen, langfristige Bindungen und "Vertrauenskonten", kuerzere Entscheidungswege und oertliche Vernetzungen, die in der Lage sind, die Umsetzung kurzfristiger zu betreiben, erlauben es, Refinanzierungszeitraeume von 2-5 Jahren zu erreichen und damit eine gewisse Unabhaengigkeit von ueberregionalen Finanzmaerkten. Die direkte Einbeziehung der Nutzer in die Finanzierung, z.B. durch den Tausch von den betreffenden Nutzer unterstuetzenden Netzausbau-Investitionen gegen Anteile am regionalen Netzbetreiber, erscheint als attraktives Modell, die regionale Verankerung eines solchen Netzbetreibers abzusichern[VOSS]. Dies erfordert natuerlich, dass aehnlich wie in der Vergangenheit versucht wird, die notwendige Entscheidungskompetenz ueber die eingesetzten Technologien auch vor Ort vorzuhalten. Grosstechnische Loesungen, wie sie z.B. die derzeitige Telefonvermittlungstechnik darstellt, fallen damit aus. Je nach Realisierung koennte ein solches Entwicklungsmodell fuer zukunftsfaehige Telekommunikationsinfrastrukturen auch gegen herkoemmliche Carrier bestehen, da deren Strukturen es ihnen nicht erlauben werden, gegen an vielen Stellen parallel vorangetriebe technische und institutionelle Innovation anzukommen. Sollte das dezentrale Modell jedoch nur an wenigen Stellen zur Umsetzung kommen, wird ein Quasi-Monopolist durch Anpassungsstrategien diese Bestrebungen aushebeln koennen. Literaturliste [ISEN] http://isen.com/archives/011216.html, How Networking Advances Screwed Up the Economy, und http://isen.com/archives/020206.html, The Enronization of Telecom [COOK] Cookreport, April 2002 [PI] Beitrag "Das Wirtschaftssystem als Kommunikationsmedium" in "Der Internet-Praktiker", von Martin Rost und Michael Schack, ISBN 3882290633, 1995 [SDH] http://www.iec.org/online/tutorials/sdh/ [FTD] Selbst grossen Firmen droht Liquiditaetsengpass, Sebastian Sachs, FTD vom 20.3.2002, S.21 [CABLE] "Die groessten Kapitalvernichter der Welt", Handelsblatt vom 4.4.2002, Seite 9, ueber Kabel-TV Firmem [BRAUN] Der Innovationskrieg, Ziele und Grenzen der industriellen Forschung und Entwicklung, Christoph-Friedrich von Braun, ISBN 3446164502, 1994 [NETPARADOX] http://netparadox.com/, The Paradox of the Best Network, David Isenberg und David Weinberger, 2001 [ZEIT] "Katerstimmung auf dem Telefonmarkt", ZEIT vom 27.3.2002, Seite 24 [NEP] Persoehnliche Kommunikation mit Ulrich Nepustil (www.nepustil.net), Beispiele von Migration von Glasfaser-Stadtnetzen von SDH auf IP in Tuebingen und Reutlingen [NTT] http://www.heise.de/newsticker/data/jk-10.04.02-001/, NTT erhofft sich 90%-tige Einsparungen bei teurer Vermittlungstechnik [TESION] http://www.heise.de/newsticker/data/jk-12.04.02-007/, EnBW will Tesion verkaufen, findet aber keinen Kaeufer [VOSS] Funktionsstoerungen des Wirtschaftsprozesses als Ursache fuer Genossenschaftsgruendungen, Michaela Voss, 2002 Hinweis: Dieser Text ist verfasst fuer das Jahrbuch Telekommunikation und Gesellschaft, siehe www.jtg-online.de