Das Wirtschaftssystem als Kommunikationsmedium... Wir behandeln das Thema: Wie ver"andern digitale Computernetze unsere soziale Welt? Und als wichtiger Ausschnitt, der die Bedeutung f"ur das t"agliche Leben klarmachen soll, w"ahle ich unser Wirtschaftssystem. Ziel des Textes ist es, da"s sich Ihr, Leserinnen und Leser, Euch von vorhandenen Vorstellungen l"ost und Eure Sichtweise der technischen Entwicklung grunds"atzlich in Frage stellt. Dann betrachten wir einzelne Kernzahlen der technischen Entwicklung, und ich stelle meine Schlu"sfolgerungen daraus vor. Eure Schlu"sfolgerungen k"onnen sich von meinem v"ollig unterscheiden. Wir treffen uns sp"ater irgendwo in Netzland und diskutieren dar"uber. Meine EMail-Adresse ist 'pi@complx.stgt.sub.org'. Damit Ihr Euch von vorhandenen Vorstellungen l"osen k"onnt, pr"asentiere ich kurz ein m"ogliches Szenario und begr"unde es mit einigen technischen Kennzahlen. These ----- Das Szenario: Ein Wirtschaftssystem ist haupts"achlich ein Kommunikationsmedium mit einer erheblichen Bandbreite und, je nach Art des Wirtschaftssystems mit einer gewissen Lokalit"at der wirtschaftlichen Handlungen. Kommunikationsbandbreite wird in Zukunft sehr viel billiger werden und damit "andern sich die Grundvorraussetzungen f"ur Wirtschaftssysteme. Begr"undung ----------- Was ist eigentlich ein Wirtschaftssystem? "Uber den Austausch von Geld steuert eine gro"se Gruppe von Menschen die Produktion und Beschaffung der G"uter des t"aglichen Bedarfs. Dies geschieht recht trickreich durch R"uckkopplung "uber den Preis eines Gutes auf dem oder den lokalen und regionalen M"arkten. Letztendlich wird damit Information "uber G"uter ausgetauscht, n"amlich wo welche G"uter in welcher Menge von wem gew"unscht werden und was sie daf"ur bereit ist zu zahlen. Als Nebenbedingung spielt das Ambiente und der Umstand des Kaufs/Verkaufs eine Rolle, wird aber in dieser Betrachtung nicht diskutiert. Wenn es daher nur um die Steuerung geht, reicht es aus, wenn virtuelles Geld getauscht wird. Um dies abzusch"atzen, sollte zum einfacheren Verst"andnis erst der Begriff der Gr"o"senordnung eingef"uhrt werden. Umgangssprachlich geht es dabei um den Faktor 10, um den ein Zahlenwert gr"o"ser oder kleiner ist als ein vergleichbarer Zahlenwert, d.h. 400 ist um eine Gr"o"senordnung kleiner als 4000. Die in der Computertechnik bekannten Gr"o"senordnungen Kilo, Mega, Giga und Tera stehen f"ur den Faktor 1000 und damit f"ur drei Gr"o"senordnungen. Welche Bandbreite hat ein Wirtschaftssystem als Kommunikationsmedium? F"ur eine grobe Sch"atzung der Bandbreite des Kommunikationssystems Wirtschaft verwenden wir einige Annahmen. 1) Die erste Annahme betrifft das Informationsvolumen, die eine wirtschaftliche Handlung, ein Kauf oder Verkauf, umfa"st. Die ber"uhmten f"unf W-Fragen (Wer? Wann? Wieviel? Was? Wo?) k"onnen folgerma"sen dargestellt werden: - Wer Beide Gesch"aftspartner jeweils mit Name und weiteren eindeutigen Angaben, z.B. deren Adressen (ca. 500 Zeichen). - Wann Das Datum und die genaue Uhrzeit, mit praktisch beliebiger Genauigkeit (ca. 100 Zeichen). - Wieviel Die Angabe der Menge des gehandelten Gutes. Dazu geh"oren auch Angaben "uber die verwendete Ma"seinheit (ca. 100 Zeichen). - Was Eine genaue Beschreibung der gehandelten Ware oder Dienstleistung (ca. 500-1000 Zeichen, eventuell inklusive des Vertragstextes und sonstigen Klauseln). - Wo Der Ort der Handlung, z.B. geographische Koordination plus Adressen plus H"ohe "uber Normal-Null und was sonst so n"utzlich w"are, den Ort genau zu bestimmen (ca. 500 Zeichen) - Administrativa Damit das alles auch seine Richtigkeit hat, k"onnen weitere Zeichen z"ur Sicherung der der "Ubermittlung verwendet werden, z.B. zur Sicherung der Authentizit"at und zur Verschl"usselung der doch recht detaillierten pers"onlichen Daten (ca. 300-800 Zeichen). Informationstechnologisch spricht man hier vom 'Verwaltungsoverhead'. Insgesamt ist eine wirtschaftliche Handlung damit in Informationseinheiten ca. 3000 Zeichen lang. Das ist ungef"ahr der Inhalt einer durch mit Textzeichen gef"ullten Seite. 2) Die zweite Annahme betrifft die Anzahl der an wirtschaftlichen Transaktionen beteiligten Organisationen in der Bundesrepublik Deutschland. Mit gesch"atzten ca. 30 Millionen Haushalten und ca. 5 Millionen Unternehmen ist sicher die wirkliche Zahl nicht um eine Gr"o"senordnung verfehlt. 300 Millionen Haushalte oder 50 Mio Unternehmen gibt es sicher nicht in der Bundesrepublik. 3) Die dritte Annahme versucht abzusch"atzen, wieviele K"aufe pro Tag in einem Haushalt oder in einem Unternehmen gef"allt werden. Mit ca. 100 K"aufen bei Haushalten und ca. 10000 K"aufen bei durchschnittlichen Unternehmen ist die Sch"atzung hoffentlich auch wieder auf der sicheren Seite. Nat"urlich gibt es deutlich gr"o"sere Unternehmen, die bedeutend mehr K"aufe pro Tag machen. Aber den Durchschnitt "andern sie nicht wesentlich. Damit ergibt sich ein t"aglicher Kommunikationsbedarf von ca. 1590 000 000 000 000 bit pro Tag (30 Mio mal 100 plus 5 Mio mal 10000, das Ganze mal 3000 Zeichen mal 10 bit pro Zeichen). Das entspricht 1590 Terabits. Ein Tag hat 86400 Sekunden (check your planet). "Uber die gesamte Bundesrepublik verteilt, wird somit pro Sekunde eine Bandbreite von ca. 20 000 000 000 bit oder 20 Gigabit allein zur Abwicklung wirtschaftlicher Kommunikationen ben"otigt. (Diese Zahl ist aufgerundet, damit ein Spielraum f"ur Irrt"umer bleibt.) Welche Bandbreite haben technische Kommunikationsmedien? Heutige Modems, mit denen "uber Telefonverbindungen Daten ausgetauscht werden, k"onnen ca. 1500 Zeichen, also ca. 15000 bit pro Sekunde "ubertragen. ISDN Telefonleitungen k"onnen 64000 bit pro Sekunde "ubertragen. Es gibt ca. 30 Mio Telefonanschl"usse in der Bundesrepublik, davon sind ca. 1 Mio Anschl"usse ISDN. Da ein Telefon immer eine Gegenstelle braucht, k"onnen diese Zahlen nur halb genommen werden. In der Realit"at gibt es desweiteren in der BRD nur ca. 2 Mio Modems. Damit betr"agt die theoretische Bandbreite des Telefonnetzwerks ca. 257 Gigabit (15 Mio mal 15000 bit plus 500 000 mal 64000 bit). Wenn nun alle Leute sich gegenseitig anrufen w"urden, w"are das Telefonnetz aber hoffnungslos "uberlastet. Die tats"achliche Bandbreite des Telefonnetzes ist ca. hundert bis tausend mal geringer, also im Bereich von ca. 2.57 Gigabit bis 257 Megabit [Siegmund, Seite 106ff, VDI-N 26.8.1994 ]. Die derzeit installierten Kupferkabel k"onnen durch geeignete Techniken bis ca. 2 Megabit oder Millionen bit pro Sekunde genutzt werden. Das entspricht den Sch"atzungen f"ur andere Telefonnetze weltweit. Die gesamte "Ubertragungskapazit"at zwischen Europa und Amerika liegt in der Gr"o"senordnung von etwa einem Gigabit. Immerhin: Die verf"ugbare Kommunikationsbandbreite ist bereits in der Gr"o"senordnung im Bereich der durch ein Wirtschaftssystem erzeugten Kommunikation gelangt. Welche Fortschritte bei Bandbreiten sind zu erwarten? W"ahrend Verkehr als Kostenfaktor des wirtschaftlichen Handelns auch in Zukunft nicht fundamentalen Wandlungen unterliegen d"urfte, ist das bei den zuk"unftigen Kommunikationskosten anders. Wenn Verkehr in den n"achsten zehn Jahren um den Faktor 10 oder 100 billiger werden w"urde, k"ame das einer Revolution gleich. Dem Kostenfaktor Kommunikation werden sogar bedeutendere Ver"anderungen prophezeit. Die Grundlage dieser Kommunikationsrevolution bilden Glasfaserkabel und die zur Ansteuerung notwendigen elektronischen Komponenten. "Uber ein handels"ubliches Glasfaserkabel kann bereits heute ca. ein Gigabit pro Sekunde (eine Milliarde bit) "ubertragen werden. Dazu wird ein Laserstrahl mit genau einer Frequenz in das Kabel geschickt und in der Folge der Bits an und ausgeschaltet. Durch dasselbe Kabel k"onnten aufgrund der physikalischen Eigenschaft des verwendeten Glaswerkstoffs ca. 25000 dieser Laserstrahlen ungehindert und parallel durchgeschickt werden. So eingesetzt h"atte ein Glasfaserkabel eine theoretische Bandbreite von ca. 25 Terabit oder ca. die tausendfache Bandbreite des Wirtschaftssystems der Bundesrepublik, soda"s auch f"ur Kommunikationen neben denen wirtschaftlicher Art noch Bandbreite "ubrig bliebe. Die f"ur eine solche Bandbreite notwendigen Endger"ate werden vermutlich in den n"achsten zehn bis zwanzig Jahren entwickelt werden. Wenn die Telefonanschl"usse "uberall in der Bundesrepublik durch Glasfaseranschl"usse ersetzt w"urden, k"ame das also einer Steigerung der Kommunikationsbandbreite des Netzwerks um den Faktor 500 bis ca. 12.5 Millionen gleich. Gegenargumente Dieses Szenario unterliegt nat"urlich vielen, nur sehr frei m"oglichen Einsch"atzungen. Andere Betrachtungen k"onnten z.B. davon ausgehen, da"s ein Kauf mehr Informationen als hier veranschlagt braucht. Das stimmt zwar, daf"ur finden K"aufe vor Ort statt und erlauben die parallele Nutzung der Infrastruktur. Ferner kann man behaupten, da"s K"aufe von Informationsdienstleistungen (z.B. ein Film, "ubertragen "uber einen Video-on-Demand-Service) bedeutend mehr als nur 3000 Zeichen umfassen. Ja, aber wer schaut schon hundert Filme am Tag? Ein Mensch verarbeitet nach Sch"atzungen ca. 1 Gigabit an sensorischem Input pro Sekunde. Aber das findet nicht nur "uber elektronische Netze statt. Ein weiteres Argument k"onnte lauten: Wirtschaftssysteme bestehen nicht nur aus Geld. Immerhin befinden wir uns mit der These von der Wirtschaft als ein Kommunikationssystem in bester Gesellschaft mit derzeit ma"sgeblichen Soziologen wie z.B. Niklas Luhmann. Luhmann (Luhmann 1988) besteht darauf, da"s Wirtschaft allein aus Zahlungen besteht. Zudem k"onnen viele wirtschaftliche Handlungen bei geeigneter Produktionstechnik durch Informations"ubertragung vor Ort realisiert werden. Damit w"urden enorme Mittel, die bislang in das Verkehrssystem flie"sen, frei. Oder es lie"sse sich einwenden: Es gibt Lastspitzen im Netz. Im Energienetz sind diese Lastspitzen noch in derselben Gr"o"senordnung wie die Lastt"aler. Und man k"onnte auch fragen: Was passiert, wenn die Anzahl der Transaktionen pro Akteur stark stiegen? Selbst hundert mal mehr Transaktionen w"urden, nach der obigen Sch"atzung, von der Steigerung der Bandbreite abgedeckt. Verlassen wir die Detaildiskussion, auch wenn sie in Zukunft sicher ihren Platz haben wird. Es geht um die grobe Tendenz, nicht um eine oder zwei Gr"o"senordnungen. Folgerungen Gehen wir in der Diskussion weg von den exakten Zahlen und technischen Fragestellungen. Ich m"ochte in diesem Abschnitt Bereiche auflisten, die von dieser Ver"anderung betroffen sind und nur Fragen stellen, die uns alle in den n"achsten Jahren zu schaffen machen werden. Zuallererst m"ussen wir uns fragen, ob wir nicht wieder einem technischen Versprechen nachjagen, welches sich sp"ater als nicht erreichbar herausstellt: 'To cheap to meter'... zu billig, als da"s es sich lohnt, den Verbrauch zu messen. Mit diesen Prophezeihungen wurde in den 50er und 60er Jahren der Einstieg in die nukleare Energieerzeugung begr"undet. Ob diese Art der Projektion in eine neue Technik auch f"ur die Kommunikationstechnologie zutrifft, ist derzeit noch nicht absch"atzbar. Die bei einer wirtschaftlichen Handlung anfallenden Daten sind in hohem Ma"se Risikodaten, die den Schutz der Privatsph"are unwirksam machen. Wie gro"s wird der wirtschaftliche Druck auf die Zahlungssysteme, wenn diese bestimmte Informationen sch"utzen? Wenn die Auswertung der anfallenden Daten viele hundert Millionen ECU an Marketinginformation im globalen Markt verspricht, wird der Staat und die eingesetzte Technik diesem Druck widerstehen? Durch 'virtuelle Unternehmen' werden immer mehr interne, private Transaktionen externalisiert und fallen damit als Marketingdaten an. Welche Auswirkung haben kryptographische Systeme, die bereits heute versprechen, wirtschaftlichen Transaktionen, unter v"olliger Anonymit"at und dennoch sicher f"ur beide Beteiligten, ablaufen zu lassen (siehe: 'http://www.digicash.nl')? K"onnen sie sich durchsetzen? Ist das gut oder schlecht? Im Gro"s- und Einzelhandel und in den Banken sind in der Bundesrepublik und Europa viele Millionen Menschen besch"aftig und haben ihr Auskommen. Wo finden sich neue Arbeitspl"atze, wenn diese verloren sind? Nat"urlich m"ussen Waren verteilt werden, damit sie beim Endverbraucher ankommen. F"angt die Logistik all diese Arbeitsplatzverluste auf? Wenn der Handel "uber den elektronischen Datenverkehr v"ollig losgel"ost ist vom Steuersystem, wie k"onnen Staaten weiterhin Steuern erheben und damit als Organisationsformen "uberleben? Wenn wirtschaftliche Transaktionen ohne Grenzen und staatliche Regulation flie"sen k"onnen, in Sekundenschnelle, wie wird dann Finanzpolitik, W"ahrungpolitik noch m"oglich sein? Wie anf"allig wird ein solches globales System f"ur St"orungen sein? Wie anf"allig wird es f"ur Manipulationen sein? Wie k"onnen, in Kombination mit einer globalen Transportinfrastruktur, die die Produktion von G"utern an jedem Ort auf diesem Planeten m"oglich macht, soziale Unterschiede gegen den Willen der Produzenten aufrechterhalten werden? Wer sch"opft dabei den Mehrwert ab und welche Struktur ist m"achtig genug, von den Einnahmen Abgaben f"ur einen sozialen Ausgleich einzufordern ? Wie schnell passiert eine solche Umstellung der Wirtschaftssysteme? Kann die Bev"olkerung, die sich in ihrem Verhalten darauf einstellen m"u"ste, diese radikalen "Anderungen vertragen? Wie wird sie sich verhalten? K"onnen die Unternehmen sich in einem solchen Klima behaupten? K"onnen sich Gewerkschaften und ArbeitnehmerInnen in einer solchen Welt noch behaupten? Wenn der lokale und regionale Bezug von wirtschaftlichem Handeln durch bedeutend g"unstigere Kommunikation verloren geht, wie stark ist dann noch die soziale Verpflichtung dieses Handelns? Informationsnetze k"onnen als Abbilder der realen Machtzusammenh"ange betrachtet werden. Wo sind die Machtzentren in einem kommunikationsintensiven System? Werden sich durch die Bereitstellung einer billigen und jederzeit verf"ugbaren Kommunikationsinfrastruktur gleichzeitig die "Uberwachungsm"oglichkeiten durch jene erh"ohen, die die Macht haben oder die technische Infrastruktur beherrschen? Wie sieht die Informationsinfrastruktur genau aus? Wird jedeR sowohl Anbieter als auch Abnehmer von Informationen sein k"onnen oder wird die globale Informationsinfrastruktur asymetrisch? Wo wird diese Entscheidung getroffen? Wer beherrscht das Informationsmeer? Wer bestimmt, was gesendet wird und was empfangen werden kann? Mit diesen Fragen wird sich die Gesellschaft in den kommenden Jahren besch"aftigen. Diese Fragen spiegeln die globalen Umw"alzungen wieder, die neue Kommunikationstechniken uns bringen und die in einem Tempo ablaufen, welches selbst den Experten den Atem raubt. Dies ist nur eine von vielen technischen Entwicklungen und alle zusammen m"ussen beherrschbar bleiben, wollen wir nicht den Frieden aufs Spiel setzen. Sind diese Techniken beherrschbar? Wenn nicht, wie k"ame man von ihnen weg? Literatur Luhmann, N., 1988: Die Wirtschaft der Gesellschaft, Frankfurt/ M: Suhrkamp [2] Siegmund, Gerd, 1993: Grundlagen der Vermittlungstechnik, Heidelberg: 2. Auflage: v.Decker, 1992 [3] VDI-Nachrichten, 26.August 1994: Politiker setzen auf die Datenautobahn